Geschichte

Zur Geschichte des Grazer Arbeitskreises*
Zeitgeschichte-Alltagsmythen-Lokalgeschichte (Tabelle zum Download)

Vortrag am Symposium „Der fremde Blick“
Graz, 2.- 4. Oktober 1998

Gert Lyon


Mit dem Referat zur Geschichte des Grazer Arbeitskreises, hoffte ich, keine allzu schwere Aufgabe übernommen zu haben. Die Notwendigkeit anläßlich eines 20-jährigen Jubiläums Rückschau zu halten, erschien zunächst selbstverständlich. Psychoanalytiker sind auf Erinnern eingeschworen. Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten ist ja gleichsam ihr Programm.

Können wir etwas aus der Geschichte lernen?
Wer sich nicht erinnert, sei verurteilt seine Geschichte zu wiederholen. ( - das klingt wie eine gefährliche Drohung!) Aber wozu feiern wir ein Jubiläum? Wozu Rückschau halten? Nach der 20-Jahr-Feier des Beratungs-Zentrums heuer im Frühjahr, schon wieder ein Jubiläum? Ist es denn ein Verdienst, alt zu werden?

Ambivalenz gegenüber dem Verein, Zweifel an meiner Identität als PA, Angst den eigenen allzu hohen Erwartungen nicht zu entsprechen - meine Widerstände, mich dieser Erinnerungsarbeit zu stellen waren/sind beträchtlich. Schließlich ist meine persönliche Geschichte mit der des GAK eng verknüpft. Und die Erforschung von Ereignissen, an denen man selbst beteiligt war, ist ein schweres Unterfangen. " `Das habe ich getan`, sagt mein Gedächtnis. `Das kann ich nicht getan haben` - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt mein Gedächtnis nach." (F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Hauptstück, 68)

Mein Zugang zur PA und zum Arbeitskreis ist unter anderem mitbestimmt durch die eigene Vaterlosigkeit und das Suchen nach Ersatzvätern. In der Aufbruchstimmung nach der 68-iger Studentenbewegung war Caruso eine charismatische Figur. Er galt als politisch engagierter Hochschullehrer, der fortschrittliche Ruf des von ihm initiierten Randgruppenseminars an der Uni in Salzburg, seine Beschäftigung mit Freud, Marx und Marcuse, seine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Entfremdung, die mit Hilfe der PA wenn nicht aufgehoben so doch verstanden und aufgehellt werden kann (in seiner Sprache hieß das etwa: "die PA - ein Mittel zur Decodierung opaker Phänomene "), seine anregenden Publikationen "Soziale Aspekte der PA" schon 1962, "Die Trennung der Liebenden" 1974 und "Narzißmus und Sozialisation - entwicklungspsychologische Grundlagen gesellschaftlichen Verhaltens" 1976 - all das machte ihn sehr attraktiv. Und die Lehranalyse (bei E. Pakesch in Graz) bot eine willkommene Möglichkeit den eigenen Leidensdruck und die Behandlungsbedürftigkeit als Ausbildung zu legitimieren. Den "frühen" Caruso, seine christliche Phase, in der die Neurose als "Entfremdung von Gott" gedeutet wird, in der Psychotherapie mit Religion verbunden wird, wo die Beschäftigung mit den Begriffen Person und Symbol und das Konzept der "progressiven Personalisation" im Vordergrund stehen, haben wir damals in den Anfangsjahren kaum wahrgenommen, und wenn dann eher als überwundene oder zu überwindende Positionen oder anmaßend als Jugendsünden des Meisters eingeschätzt. Wichtig war, daß er sich als Objekt unserer Idealisierung sehr gut eignete.

In Deutschland wird innerhalb der PA Vereine eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in der Nazi-Zeit geführt. 1983 findet diese Kontroverse einen Höhepunkt als in der "Psyche" das sogenannte "Memorandum" von Carl Müller-Braunschweig aus dem Jahr 1933 nachgedruckt wird. Im Zusammenhang mit den dadurch ausgelösten Konflikten müssen Helmut Dahmer und Lutz Rösenkötter als langjährige Mitherausgeber der "Psyche" gehen. In Österreich gibt es zunächst außer den ausgezeichneten 2 Bänden zur Geschichte der PA vom allzu früh verstorbenen Kollegen und Freund Wolfgang Huber fast nichts. Und innerhalb der Arbeitskreise wird erstmals von Walter Parth im Wiener AK eine kritische Auseinandersetzung mit Carusos Werk versucht und die jahrzehntelange idealisierende Rezeption überwunden. Aber es gibt noch erforschungsbedürftige historische Themen; darunter etwa auch die Rolle Carusos an seinem damaligen Arbeitsplatz am Spiegelgrund, wo in der Nazi-Zeit Kinder ums Leben gebracht wurden.

Nachdem ich zunächst anhand der vorhandenen Unterlagen die Ereignisse chronologisch geordnet hatte, ergab sich eine einfache Unterscheidung von 5 Phasen der Entwicklung des GAK:

1. Die frühe Entstehung (etwa ab 1972)
2. Die Gründungsphase (ab 1978)
3. Die Verwaisung (bis 1984)
4. Re-Importphase und Wiederaufbau (ab 1985)
5. Die 90-igerJahre; - nach dem Psychotherapiegesetz

Um Sie nicht mit ermüdenden Details zu langweilen, werde ich mich darauf beschränken, die Geschichte des GAK in ein paar größeren Linie zu skizzieren. Und um den Kontext, in dem die Geschichte stattfindet ins Bild zu bringen, habe ich in einer Tabelle einige synchrone zeitgeschichtliche und sozialpsychologische Aspekte zusammengestellt.

1. Zur Phase der Entstehung
Die Geschichte des Grazer AK im engeren Sinn umfaßt etwa 26 Jahre, wenn man 1972 zum Ausgangspunkt nimmt als E. Pakesch nach Beendigung seiner Analyse bei I. Caruso begonnen hat in Graz Lehranalysen anzubieten und durchzufahren. Als Vorläufer des Grazer Arbeitskreises gründete Erich Pakesch im März 1973 die "Grazer Gruppe für Tiefenpsychologie", damals in enger Anbindung an den Salzburger Arbeitskreis. Eine ähnliche Entstehungsgeschichte hat übrigens auch der Linzer Arbeitskreis mit der Gründung der an den Wiener Arbeitskreis assoziierten "Linzer Gruppe für Tiefenpsychologie" im Oktober 1973 durch Harry Merl.

Was war sonst noch los in diesen Jahren:
• Juni 1975: Caruso tritt aus dem Salzburger Arbeitskreis aus, bleibt aber Präsident der Internationalen Föderation; offizielle Begründung seines Austritts: weil seine Kritik an der im Zusammenhang mit dem damaligen Psychoboom in der Ausbildung zunehmenden "Methodenvielfalt", also seine Meinung zur Ausbildungssituation im Salzburger Arbeitskreis nicht einmal ernstlich diskutiert worden sei.
• September 1976: Pakesch organisiert die Gesamtösterreichische Fortbildungswoche in Gleichenberg. Das Thema und das Programm konnte ich nicht mehr rekonstruieren, ich glaube aber, mich zu erinnern, daß Paul Parin und Caruso dort referiert und diskutiert haben und daß Solms-Rödelheim, Mitglied der Wiener pa Vereinigung und damaliger Steinhof-Direktor teilgenommen hat.
• 1977 in Graz war das Jahresthema der Grazer Gruppe Neurosenlehre und im selben Jahr kommt es zum Zusammenschluß der "österreichischen Arbeitskreise für TP" und zur Einrichtung eines Zentralsekretariats, regelmäßige Konferenzen der Arbeitskreisleiter und der Ausbildungsleiter werden durchgeführt, Symposien und gesamtösterr. Ausbildungsveranstaltungen werden organisiert.
• Die Caruso-Stiftung: 1978 Caruso stiftete anläßlich der Vollendung seines 65. Lebensjahres einen Preis vom 100.000,--S, der die beste wissenschaftliche Publikation aus dem Gebiet der PA auszeichnen soll. Damit will Caruso "seine Verbundenheit mit seinen Schülern und Mitarbeitern (zu) zeigen, um ihnen seinen Dank abzustatten und endlich, um dem relativ niedrigen Stand der Veröffentlichungen in oben genannten Kreisen entgegenzuwirken." Meines Wissens wurde der Preis niemals verliehen. Die Jury entschied 1981 ihre Selbstauflösung nachdem zunächst Befangenheitsprobleme zu klären waren und schließlich keine der 4 eingereichten Arbeiten alle Kriterien der Stiftung erfüllte.

2. Zur Gründungsphase
Zur Bildung des eigenständigen Arbeitskreises für Tiefenpsychologie in Graz kam es dann im Frühjahr 1978. Am Mittwoch den 5. April 78 um 19 Uhr fand im Hörsaal der Nervenklinik in Graz auf Einladung von Prof. Erich Pakesch die konstituierende Generalversammlung statt. Der Vereinspolizei wurde nach dieser Versammlung als erstes Vorstandsgremium: Erich Pakesch als Leiter, Gertrude Petz als Stellvertreterin, Rainer Danzinger als Geschäftsführer, Gert Lyon als Kassier, Lorle Droschl als Kassierstellvertreterin mitgeteilt. Konrad Dennig und Walter Pieringer übenahmen die Funktion der beiden Rechnungsprüfer. Das Ausbildungskomittee bestand aus Pakesch, Danzinger und Angela Kozlik als Vertreterin der außerordentlichen Mitglieder. Themenschwerpunkt im Gründungsjahr 78 waren: Schulen der PA (- Reich, Klein, Sullivan, Ferenczi und Balint, der Narzißmustheorie, Karl Abraham und
Jung war jeweils ein Abend gewidmet). Das Jahresthema 1979 war dann die Technik der PA. Am 18. September 1979 stirbt Erich Pakesch im 62 Lebensjahr ganz überraschend. Sein früher Tod war für den GAK ein großer Verlust. Aus der Fülle seiner Arbeiten erwähne ich 3 Schwerpunkte, die in gewisser Weise auch den Grazer Arbeitskreis mitgeprägt haben:

1. Gründung und Leitung des ersten Instituts für medizinische Psychologie und Psychotherapie in Österreich im November 1968 an der medizinischen Fakultät der Universität Graz

2. Seine Initiative und Vorarbeiten die zur Gründung des Dachverbands der Psychotherapeutischen Vereine Österreichs führten, in dem dann 10 Jahre lang die Grundlagen für das heute gültige Psychotherapiegesetz erarbeitet wurden. Die Dachverbandsgründung wird oft Hans Strotzka zugeschrieben, der aber selbst wiederholt auf Pakeschs diesbezügliches Verdienst hingewiesen hat.

3. Die Offenheit für Methodenpluralismus, der sich etwa in den vom ihm initiierten Gleichenberger Gruppentherapiewochen (die heuer übrigens zum 29. mal durchgeführt werden) niedergeschlagen hat und sein Interesse an der Integration psychoanalytischer Konzepte und psychoanalytisch inspirierter Praxis in alle möglichen Teilgebiete der Medizin.

Als wir im Herbst 1980 in Graz das Symposion der österreichischen Arbeitskreise durchführen, ist es dem Gedächtnis von E. Pakesch gewidmet ist. Durch die Themenwahl `Die Funktion der PA in der psychosozialen Versorgung` sollte das Bemühen Pakeschs um die Integration der PA in die Institutionen gewürdigt und fortgesetzt werden. I. Caruso hält das Hauptreferat (es ist meines Wissens die letzte seiner öffentlichen Reden), zu seinem Verhältnis zu Erich Pakesch sagte er damals folgendes:
Bei aller Bemühung um Objektivität ist gerade das `Persönliche` dabei zu bedenken. Ich habe Erich Pakesch vor 13 Jahren kennen gelernt. Er hat mich an seiner Suche nach einer verbindlichen Form der psychoanalytischen Organisation beteiligt, und wir haben sehr bald harmonisch zusammengearbeitet. Bei mir beendete er seine bei Michael Balint begonnene Lehranalyse, die eine Analyse wie jede andere auch war (außer, daß sie auch samstags und sonntags stattfand, da wir beide auch anderweitig sehr beschäftigt waren), dann absolvierte er bei mir eine Anzahl von Kontrollanalysen. Dies alles geschah mit Billigung unserer Arbeitskreise. Im Jahre 1977 konnte Pakesch mit einigen seiner Schüler die Gründung eines Grazer Arbeitskreises melden. Erich Pakeschs Lebensgeschichte ist mir relativ wenig bekannt, dies deshalb, weil das Material, das ich in seiner von Balint iniziierten Psychoanalyse kennen gelernt habe, der erworbenen Gewohnheit der Analytiker entsprechend, jetzt fast spurlos aus meinem Gedächtnis verschwunden ist. Und wenn ich jetzt Trauerarbeit leisten will, dann aus meiner persönlichen Perspektive, die verläßlich ist, sofern sie sich auf unsere Zusammenarbeit und auf das Thema 'Integration von Pakesch in die Realität unserer Arbeitskreise' erstreckt. Wenig: und doch für seine Rolle in unseren Beziehungen bedeutend.

Im Vorwort des 1982 herausgegeben Symposionsbandes finde ich das Freud-Zitat, das wir damals als gleichsam programmatisch oder fast wie eine moralische Verpflichtung aufgefaßt haben: Freud schreibt 1895 in den Studien über die Hysterie.
Ich zweifle ja nicht, daß es dem Schicksale leichter fallen müßte als mir, Ihr Leiden zu beheben: aber Sie werden sich überzeugen, daß viel damit gewonnen ist, wenn es uns gelingt, Ihr hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln. Gegen das letztere werden Sie sich mit einem wieder genesenen Seelenleben besser zur Wehr setzen können.' Er war also überzeugt, daß es die Lebensverhältnisse sind, welche die Neurosen verursachen und daß die Aufgabe der Therapie darin liegt, die Patienten zur aktiven Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt zu befähigen. Welche Funktion die Psychoanalyse für die psychosoziale Versorgung heute erfüllen kann, hängt sehr stark davon ab, wie es ihr gelingt, die aktuellen sozialen Widersprüche zu erfassen und eine kritische Teilintegration in die Institutionen des Gesundheitssystems durchzusetzen.

Nach Pakeschs Tod (September 1979) übernimmt Rainer Danzinger bis zu seiner Übersiedlung nach Kosterneuburg (Anfang 1982) die Leitung des Grazer Arbeitskreises und auch des ÖAGG /Stmk. Die Seminarabende finden in der Praxis von Nancy und Gert Lyon in der Humboldtstraße statt, größere öffentliche Diskussionen in dem im Frühjahr 78 gegründeten Beratungs-Zentrum am Griesplatz, dessen erster Supervisor übrigens auch Pakesch war.

3. Die Verwaisung
Ende der 70-iger Anfang der 80-iger Jahre kommt es zur kontinuierlichen Abwanderung von Psychoanalytikerlnnen aus Graz. Marianne Scheinost geht schon 1978 nach Wien in die Psychiatrie. Ingrid Kraft-Ebing geht nach Wien in die Studentenberatung, Angela Kozlik nach Klagenfurt in die Praxis. August Ruhs zusammen mit Peter Jeschek (1979) nach Zweesten Deutschland, dann nach Wien ins Psychotherapeutische Ambulatorium der Gebietskrankenkasse. Dann stirbt Pakesch im September 1979. Und schließlich geht Rainer Danzinger anfang 1982 erst nach Klosterneuburg dann nach Salzburg. 1981 im Juni (28.) stirbt I. Carusos in Salzburg im selben Jahr erscheinen erstmals die "Studien zur Kinderpsychoanalyse" und die "Texte" als offizielles Publikationsorgan der Österr. Arbeitskreise. Nach der fast völligen Verwaisung bis zur Gegenbewegung - dem Zuzug von Analytikern nach Graz, beginnend mit Klaus Posch im Frühjahr 1984 - bestand der Grazer Arbeitskreis damals aus einem Mitglied (G.Lyon), einem Kandidaten (H. Samonig) und etlichen Gästen und Sympathisanten. Wir organisierten einen inhaltlich anspruchsvollen und gut besuchten Seminarbetrieb. Themenschwerpunkt 1983 war zum Beispiel die "Psychoanalyse der Frau, Frauen zur Psychoanalyse" Im Jänner 84 veranstalten wir eines der letzten Gesamtösterreichischen Ausbildungswochenenden am Retzhof zum Thema "Traumanalyse". Die Referentlnnen kamen vorwiegend aus anderen Arbeitskreisen, mit denen freundschaftliche Beziehungen zum Großteil aus den in meiner Ausbildung noch wichtigen gesamtösterreichischen Ausbildungswochen bestanden. ZB. Bertl Eisenriegler und Renate Wagner aus Linz, Sonya Coulin und Güther Klug aus München, Angelika und Eike Rubner aus Rosenheim, Wolfgang Huber und Reinhard Larcher aus Salzburg, Edith Frank-Rieser , Johannes Gascard aus Innsbruck, Elisabeth Meyer, Felix Mendelssohn, Erwin Bartosch, Max Kompein, Hannes Ranefeld aus Wien - um nur einige zu nennen.

Ich glaube es war 1982 als der Dachverband der psychotherapeutischen Vereine gegründet wurde. Daß Erich Pakesch die Dachverbandsgründung jahrelang vorangetrieben hat, habe ich schon erwähnt. Um die Bedeutung dieses damaligen Zusammenschlusses zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, daß die gegenseitigem Abneigungen, Vorurteile und Idiosynkrasien jahrzehntelang kultiviert und ziemlich ausgeprägt waren. (Einigen Mitgliedern der pa.Vereinigung und der IP wird nachgesagt, daß sie es vorgezogen haben die Straßenseite zu wechseln als sich zu begegnen und grüßen zu müssen. Das soll sich aber schon in den 20-Iger Jahren in Wien ereignet haben). Jeder der Mitgliedsvereine wurden von je einem ärztlichen und einem nicht-ärztlichen Delegierten vertreten. Die ärztlichen Delegierten der österr. Arbeitskreise kamen aus dem GAK: anfangs R.Danzinger, später (ab1984) G. Lyon und ab 1987 Inge Paß-Kosmath. In diesen Jahren spielen sich im Dachvemband zT heftige Kontroversen ab; - um die Frage der Quellenberufe, um Zulassungsbedingung zur Psychotherapieausbildung, um die Einführung eines Facharztes für Psychotherapie, um standespolitische Fragen, ... Einer der interessantesten Konflikte entwickelte sich zwischen jenen, die ein Gesetz erarbeiten wollten, das eine umfassende psycho-soziale Versorgung in Österreich sicherstellen und regeln sollte und jenen, die sich schließlich durchgesetzt haben, mit dem Ziel eines Gesetzes, das die Tätigkeit der Psychologen und der Psychotherapeuten regeln sollte. H. Strotzka legte das Amt des Vorsitzenden des Dachverbands im Jänner 86 nieder, danach übernimmt Raul Schindler den Vorsitz; Strotzkas Begründung: Loyalitätskonflikte im Zusammenhang mit den im Dachverband gestellten Maximalforderungen (Zulassung von allen möglichen sogen. "Quellenberufen" wie schon bisher in einigen Vereinen praktiziert) die er damals für nicht realisierbar hält und dem von ihm seit 15 Jahren angestrebten Facharzt für Psychotherapie und einen Zusatztitel Psychosomatik zB für Internisten oder praktische Ärzte.

4. Die Phase des Wiederaufbaus, des Re-Imports, des Neubeginns
Ab 1984 stießen Analytiker aus anderen Bundesländern zum GAK. Als erster kam im Frühjahr 84 Klaus Posch aus Linz, danach Inge Pass-Kosmath und Paul Pass aus Vorarlberg 1986 Janko Bohak aus Innsbruck und 1996 Rainer Danzinger aus Salzburg. Mit dieser personellen Verstärkung war ein Neubeginn des Arbeitskreises möglich. Ende 1985 übenimmt Paul Pass, der als einziger von uns nicht in einer Institution sondern ausschließlich als Psychoanalytiker und Psychotherapeut in der eigenen Praxis arbeitet, die Leitung des GAK. Vor allem seiner Initiative ist es zu danken, daß wir nach langen Diskussionen 1988 mit einem Ausbildungsbetrieb begonnen haben. Fragen und Themen der in vielen von Klaus Posch mit viel Sorgfalt dokumentierten und mitunter auch durchaus konfliktfreudig ablaufenden Sitzungen der sogen. Ausbildungsgruppe waren zB:
• wie können wir die Entwicklung eines möglichst offenen Ausbildungssystems fördern etwa im Sinn eines nicht verschulten sondern auf Eigeninitiative, Selbstverantwortung und auf Emanzipation gerichteten Ausbildungsbetriebs keine Festschreibung des Status Lehranalytiker um überflüssige Hierarchie zu vermeiden.
• die PA-Ausbildung hat auch den Aspekt einer Initiation in die Tradition der pa Bewegung und diese Bewegung hat auch etwas Elitäres an sich und ist vermutlich eine untergehende, jedenfalls eine einem einschneidendem Bedeutungswandel unterworfene Bewegung
• Ziel der Ausbildung ist es den analytischen Prozeß zu initiieren, die Wirklichkeit des Unbewußten am eigenen Leib erlebt zu haben und die Wirksamkeit des pa Verfahrens an sich selbst erfahren zu haben
• klare Absage an Perfektionsideale zB "durchanalysiert sein" als Ziel der Lehranalyse, mit anderen Worten: es ist auch wichtig die Grenzen der Ausbildung zu sehen.

5. Die 90-iger Jahre
Im Juli 1990 kommt es zum Beschluß des Psychotherapie- und des Psychologengesetzes am 1. 1.91 tritt es in Kraft. Häufig wiederkehrende Themen in den Protokollen der Generalversammlungen sind:

1. Die Berichte von den Leiterkonferenzen der österr. Arbeitskreise, von den Aktivitäten der Internationalen Föderation, von den Geldnöten, der wissenschaftliche Gesellschaft bei der Herausgabe der Texte

2. Die Aktivitäten im Dachverband, Stellungnahmen, Diskussionspapiere, Umfragen - und ab Inkrafttreten des Psychotherapiegesetzes all die zahlreichen Aktivitäten im Zusammenhang mit der Umsetzung des neuen Gesetzes. Anerkennungsverfahren, Übergangsfristen, Ausbildungsordnungen, Propädeutikumsgründungen, Psychotherapie-Beiratssitzungen für die Delegierte gefunden werden müssen, Spesen, berufsständische Organisationsfragen, Ethikkommission, und so weiter, -
eine unendliche Geschichte. Die tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen wirkten und wirken sich auch auf die psycho-soziale Versorgungslandschaft aus: sie ist in den 90-iger Jahren geprägt von der Konkurrenz der psychotherapeutischen Schulen, vom Auftauchen neuer Berufsgruppen, von zunehmender Verrechtlichung, Professionalisierung, Ökonomisierung, vom Aushandeln von Krankenkassenregelungen, von berufsständischen Ängsten, Hoffnungen und Ansprüchen, vom Abstecken von Claims und Marktanteilen. Auf einem Markt wo Psychotherapie wie eine Ware gehandelt wird, geht es sehr darum, wer besser,
kostengünstiger, effizienter Behandlungen anbieten und wer sich überzeugender darstellen und verkaufen kann. Auch der GAK hat versucht, sich auch auf diesem Markt zu positionieren.

3. An der Entstehung des Gesetzes haben wir ja viele Jahre hindurch mitgearbeitet und dessen eine Errungenschaft - nämlich das Aufbrechen des in Österreich bis dahin bestehenden ärztlichen Monopols auf Heilbehandlung - halte ich trotz meiner Zweifel über die Umsetzung des Gesetzes und die Entwicklung der berufsständischen Politik danach für sehr wertvoll. Unsere spezielle Aufgabe auf Grund der personellen Kleinheit des GAK bestand darin, eine Zusammenarbeit mit dem Linzer AK zu organisieren, die einerseits den Anforderungen des neuen Gesetzes entsprechen und andererseits unsere Autonomie bewahren sollte. Diese anfangs aus Notwendigkeit geborene Zusammenarbeit mit den Linzer Kolleglnnen hat sich in mehrfacher Hinsicht als sehr produktiv, anregend, nützlich erwiesen. So haben wir zB im September 96 in Strobl aW. ein Ausbildungswochenende durchgeführt und veranstalten seit vorigem Jahr gemeinsam die Windischgarstner Frühjahrsgespräche. Beide Veranstaltungen halte ich für einen Gewinn.

4. In Bezug auf die im Vergleich zur organisations-, zur legistischen und administrativen Arbeit viel interessantere inhaltliche Arbeit, die Themen, die Vorträge, die Seminare, die Diskussionen mit den Referentlnnen, Gästen und untereinander, verweise ich auf die Folien (im Anhang). Ich habe meinen subjektiven Präferenzen entsprechend eine Auswahl getroffen und pro Jahr ein oder 2 Vorträge, Diskussionen,
Veranstaltungen ausgesucht, auf die ich gern zurückblicke, die einen bestimmten Interessenschwerpunkt im GAK erkennen lassen, mit denen ich mich ganz gut identifizieren kann. Im WS 89/90 leite ich gemeinsam mit Victor Kann, einem aktiven Gast, Sympathisanten des GAK, IP-ler und persönlicher Freund ein Literatur-Seminar "Freud-Schriften", ich habe noch meine Enttäuschung darüber in Erinnerung, daß die von Victor Kann angestrebte Vertiefung dieser Vereins- und Schulenübergreifenden Zusammenarbeit im GAK-Vorstand keine positive Resonanz fand. Die angenehmere Erinnerung in diesem Zusammenhang: wenn mich mein Narzißmus nicht täuscht, entsteht infolge dieses Seminar der noch heute existierende Lesekreis, in dem Kandidaten verschiedener Vereine sehr produktiv gemeinsam lesen, diskutieren, sich kritisch mit Literatur, Philosophie, Kulturkritik, und PA auseinandersetzen.

Zum Abschluß meiner Rückschau bin ich der Frage nach der Identität des GAK nachgegangen. Was ist ist das für den GAK spezifische, typische, was seine Unverwechselbarkeit, seine Eigenart, seine Besonderheit ausmacht. Dabei komme ich auf 4 Punkte:

1. Die Anwendung der PA in Institutionen: Die Mehrzahl der Arbeitskreismitglieder arbeitet in zum Teil leitenden Funktionen in Institutionen, wo die Standardmethode nicht angewandt werden kann. Um etwa im psychiatrischen KH, in der Bewährungshilfe, in der Flüchtlingshilfe oder in der ambulanten psycho-sozialen Versorgung pa Konzepte in die Praxis umzusetzen, müssen Anwendungsmethoden modifiziert und weiterentwickelt werden, ohne dabei opportunistisch die substantiellen Erkenntnisse der PA aufzugeben. Um als PA in einer großen Institutionen bestehen zu können, müssen wir uns um eine qualifizierte Teil-Integration in diesen Institutionen bemühen, die Gefahr der Vereinnahmung durch die herrschenden Strukturen erkennen und als Psychotherapeuten müssen
wir die Konkurrenz zu/mit den anderen Therapie-Schulen als Herausforderung annehmen und uns nicht in unserer Identität bedroht fühlen. In engem Zusammenhang damit steht der

2. Punkt: die intensive und kontinuierliche Beschäftigung mit schweren, frühen Störungen, mit PsychoseKranken, mit chronisch psychisch Kranken, mit Verwahrlosten, mit schwer Traumatisierten, mit Flüchtlingen korrespondiert mit der im GAK viel Raum einnehmenden Auseinandersetzung mit entsprechenden theoretischen und behandlungstechnischen Konzepten.

3. Die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse als Gesellschaftskritik, als Kulturkritik und als Sozialpsychologie. Diese Auseinandersetzung mit der PA als kultur- und gesellschaftskritische Theorie und mit ethno-analytischen und sozialpsychologischen Ansätzen der PA manifestiert sich unter anderem in der Beschäftigung mit den Arbeiten von Marie Langer und Erika Danneberg in Lateinamerika, von Paul Parin und Goldy Mathey-Pan'n, von MarioErdheim,von Klaus Ottomeyer, Thea Bauriedl, Helmut Dahmer, Emilio Modena um nur einige zu nennen, die wiederholt in Graz referiert und mit uns diskutiert haben. Und Paul Paß notiert in einem Kommentar mit dem Titel "Erinnern - Wiederholen Durcharbeiten" zur Wehrmachtsausstellung in Graz im Jänner 98 "Der Grazer Arbeitskreis organisiert seit über 10 Jahren jährlich eine Veranstaltung, die dem Thema der NS-Vergangenheit gewidmet ist."

4. Bei meiner Suche nach der Identität des GAK bin ich auf ein merkwürdiges Ereignis gestoßen, der mir für die Identität eines pa Vereins ziemlich bedeutend erscheint: eine Namensänderung; von GAK für Tiefenpsychologie in GAK für PA im Jahr 1993. Diskutiert wurde diese Namensänderung bei uns schon 1988, aber wohl eher in Reaktion auf die Diskussion in den größeren AK in Wien, Salzburg und Innsbruck, - kaum auf eigene Initiative, intern beschlossen wurde die Namensänderung 1989. Von der Diskussion und dem Vereins-internen Beschluß bis zur Umsetzung dieses Beschlusses nach Außen vergehen also etwa 4 bzw.3 Jahre. Warum eigentlich? Was bedeutet das? Wie ist diese Verzögerung zu verstehen? Niemandem im GAK - auch mir nicht - schien diese Namensänderung ein Anliegen zu sein. Obwohl doch der Begriff Tiefenpsychologie mit der Konnotation des Antisemitismus, der Vertreibung der Freud'schen PA und insbesondere jüdischer Psychoanalytiker in der Nazizeit verbunden ist. Der Begriff TP steht auch für den Versuch der Arisierung und Verharmlosung der PA, für eine reduzierte Lesart der PA und für eine Psychologie, die sich mit der jeweils herrschenden Weltanschauung zu arrangieren versucht, sei es die der Nazis oder die sich christlich verstehende, katholische der Nachkriegszeit. Sind die Umstände der Umbenennung des GAK vielleicht Ausdruck einer loyalen Denkhemmung in Bezug auf den Begründer und auf die noch unzureichend erforschte und verstandene Entstehungsgeschichte des Arbeitskreises?

Bei der Frage nach der Identität des Arbeitskreises kam mir ein Hinweis von Heinz Kohut in den Sinn, in dem er zunächst den Unterschied von ausgeprägter Identität und starkem Selbst herausarbeitet: Diese Unterscheidung ist meiner Ansicht nach sehr fruchtbar. Einige Individuen sind zum Beispiel durch ein starkes, festes, klar definiertes Selbst charakterisiert, das früh im Leben erworben wurde - doch ihre Identität ist aufgrund späterer Umstände ziemlich diffus. Ich glaube, daß die Persönlichkeit eines bestimmten Typus von Psychoanalytikem diesem Muster angehört. Die Unklarheit der Identität erlaubt Empathie mit vielen verschiedenen Typen von Menschen - doch das feste Selbst schützt vor Zersplitterung. (aus einem Brief an J.v.Scheidt vom 27.2. 1975, aus-. H.Kohut, Introspektion, Empathie und PA Frankfurt 1977) Mit der Einschränkung der Anwendbarkeit von individuellen Konzepten auf Institutionen könnte man daraus schließen, daß auch für eine pa Vereinigung vielleicht weniger die Entwicklung einer ausgeprägten Identität als die eines starken Selbst wünschenswert wäre.

Eine einfache Antwort auf die anfangs gestellte Frage nach dem Lerngewinn aus der Beschäftigung mit der Geschichte, aus der Rückschau, habe ich - noch (?)-nicht gefunden. Eher sind neue Fragen aufgetaucht, wie zB:

• Was sind die Umstände, die die Entwicklung eines "festen Selbst" einer pa Vereinigung fördern?
• Wie kommt es, daß die PA in Graz immer schon eine vergleichsweise unbedeutende Rolle gespielt hat?
• Wieweit war und ist die PA heute noch ein taugliches Mittel zum Verständnis von "brennenden Problemen" unserer Zeit?
• Welche Auswirkungen hat das "Ende der großen Erzählungen" auf eine PA, die sich von Anfang an als Teil der "großen Erzählung" der Moderne, der Aufklärung, verstanden hat?
• Was bedeutet die postmoderne Vielfalt konkurrierender Paradigmen für eine PA, die das therapeutische Paradigma bisher für sich in Anspruch genommen hat?
• Welche Rolle wird die PA in einer von Konkurrenzdruck und Ökonomisierungszwängen geprägten psycho-sozialen Landschaft spielen können und wollen?

Zum Abschluß fällt mir ein Zitat von Theodor Reik aus den 20-Iger Jahren ein: Theodor Reik berichtet, er habe während einer Diskussion einmal behauptet, die Zukunft der PA liege im Studium der Geschichte, der Anthropologie und der Sozialwissenschaften, und "daß die analytische Therapie neurotischer und psychotischer Störungen im Jahr 2000 als überholt gelten würde". Zum Erstaunen fast aller Anwesenden habe Freud ihm in dieser Ansicht völlig zugestimmt. (Th. Reik, Dreißig Jahre mit Sigmund Freud, München, 1976, s 41; zitiert aus H-M. Lohmann, Freud zur Einführung, Hamburg, 1991)

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Literatur:

Peter Stöger: Personalisation bei Igor Carus,
Die Psychoanalyse als Instrument der Befreiung,
Wien, 1987

Rainer Danzinger, Gert Lyon, Walter Pieringer (Hg): Psychoanalyse und Institution,
Vorträge des Symposions über die Funktion der Psychoanalyse in der
psychosozialen Versorgung,
Wien, 1982

Heinz Kohut: Introspektion, Empathie und Psychoanalyse,
Aufsätze zur paTheorie, zu Pädagogik und Forschung und zur Psychologie der Kunst,
Frankfurt,1977

Hans-Martin Lohmann: Freud zur Einführung,
Hamburg, 1991

 

* erschienen in: texte, Psychoanalyse. Ästhetik. Kulturkritik., Heft 3, 1999,
S 33-47, 19.Jg., Passagen Verlag, Wien